Der Preissturz bei Uran hat Zertifikate auf Unternehmen, die den Rohstoff fördern, massiv getroffen. Dennoch bleibt die Atomenergie ein stark diskutiertes Thema. Industriestaaten kommen um die Nutzung der Kernkraft weiter kaum herum, wollen sie die im Kyoto-Protokoll festgelegten Klimaziele erreichen und den CO2-Ausstoß in kurzer Zeit massiv reduzieren. Gleichzeitig steigt der Energiebedarf der Schwellenländer. Vor allem China, Indien und Russland planen zahlreiche Reaktorneubauten. Dies könnte den Uranpreis langfristig beflügeln.

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© Rulan Gilmanshin/istockphoto.com

Das kam den Verantwortlichen im Bundesumweltministerium sicher ungelegen. Kurz vor der Präsentation ihres neuen Gesamtkonzeptes zur Energiepolitik, mit der sie die Vision einer „klimafreundlichen, sicheren und preisgünstigen Energieversorgung ohne Atomstrom“ vermitteln wollten, sorgten Meldungen aus dem Ausland für Wasser auf die Mühlen der Kernenergie-Verfechter. Ausgerechnet Schweden, das Vorbild für den deutschen Atomausstieg, vollzieht eine energiepolitische 180-Grad- Wende. Die Regierung in Stockholm kündigte an, die seit fast 30 Jahren geltende Übereinkunft zum Verzicht auf Reaktorneubauten aufzuheben. Die zehn bestehenden Reaktoren könnten damit durch neue und leistungsfähigere Anlagen ersetzt werden.

So musste sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel vorgekommen sein wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Kernreaktoren zu bauen, ohne eine Lösung für den anfallenden Atommüll zu haben, sei so als würde man mit einem Flugzeug starten, obwohl es keine Landebahn gäbe, sagte der Minister vor den Kameras der Fernsehsender. Ein Ausstieg aus dem Ausstieg in Deutschland komme für ihn nicht in Frage.

Parallel zu der Ankündigung, den Neubau von Reaktoren zuzulassen, gab die schwedische Regierung auch einen massiven Ausbau von erneuerbaren Energien bekannt. Die Gründe für die neue Energiepolitik: Das Bestreben nach einer klimagerechten, CO2-neutralen Energieversorgung und der Wunsch nach langfristiger Energiesicherheit. Letztere helfe nicht zuletzt der krisengebeutelten Wirtschaft und könnte Investoren nach Schweden locken.

Doch nicht erst die Ankündigung aus Stockholm hat die Kernenergie in ganz Europa wieder zum Diskussionsthema gemacht. Auch der sich über Wochen hinziehende Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine hat mancherorts für ein Umdenken gesorgt. Ist Atomkraft also wieder in?

Folgt man der World Nuclear Association (WNA), dann spricht die Zahl der aktuellen Reaktorneubauten in Europa noch nicht für eine Renaissance der Kernenergie. Derzeit entstehen lediglich vier neue Kernkraftwerke – eines in Finnland, eines in Frankreich und zwei in der Slowakei. Weltweit gibt es 43 konkrete Projekte. Das scheint überschaubar.

Allerdings: Die Liste der geplanten Bauvorhaben bis zum Jahr 2030 ist lang – besonders in den wirtschaftlich aufstrebenden Staaten. Allein in China sind laut WNA 26 neue Atomkraftwerke bereits geplant, der Bau weiterer 72 Reaktoren darüber hinaus beabsichtigt (siehe Tabelle unten). Die Europäer setzen eher auf eine längere und intensivere Nutzung bestehender Atomkraftwerke. Die WNA spricht von einer „weiteren, signifikanten Kapazität“, die durch ein Aufrüsten der bestehenden Anlagen entstehen wird.

Wer Kernreaktoren betreiben will, braucht Uran. Uran ist allerdings kein Rohstoff wie jeder andere: Der Handel mit Uran wird von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA streng kontrolliert. Lieferverträge für Uran werden nicht selten langfristig abgeschlossen. In der Natur kommt Uran nicht als reines Metall, sondern meist als Verbindung oder Oxid vor. Die größten Uran-Minen befinden sich in Kanada, Australien und Kasachstan. Laut WNA wurden 2007 mehr als 41.000 Tonnen Uran gefördert. Neben der Minenproduktion wird auch Uran, das aus Atomwaffen stammt, in beachtlichen Mengen der zivilen Nutzung zugeführt.

Eric Webb, Vorstand bei der auf Marktanalysen spezialisierten US-Beratungsgesellschaft Ux Consulting Company, sieht den Uran- Markt gegenwärtig im Wandel. Lange Jahre hätte der Verkauf von vorhandenen Vorräten das Bild geprägt. Der Uranpreis war niedrig, Anreize, neue Lagerstätten zu finden, waren gering. Während der Abbau von Uran stagnierte, sei jedoch die Nachfrage durch Ausbau von Kraftwerkskapazitäten und den Bau neuer Reaktoren angestiegen. Damit habe sich der Uranhandel zu einem produktionsgetriebenen Markt gewandelt. Die Schwäche des US-Dollar gegenüber den Währungen der Uran-Produzenten habe die Lage noch verschärft.

Innerhalb von nur sieben Jahren, etwa seit Beginn des neuen Jahrtausends, stieg laut Ux Consulting der Preis für die Uranverbindung U3O8 (Triuranoctoxid) um rund 1800 Prozent an. Mitte 2007 hatte der Uranpreis bei rund 140 US-Dollar je Pfund einen neuen Höchststand erreicht – auch deshalb, weil Hedgefonds und Spekulanten Uran als Anlageziel entdeckt hatten. Dann aber folgte ein dramatischer Preisverfall. Allein innerhalb eines Jahres sank der Uranpreis um fast 60 Prozent, im vierten Quartal 2008 wurden zwischenzeitlich sogar Preise unter 50 US-Dollar gezahlt. Derzeit liegt der Spotpreis bei rund 55 US-Dollar je Pfund.

Experten blicken allerdings weiter in die Zukunft und heben den Nachfrageüberhang auf dem Uranmarkt hervor. „Die gegenwärtige Situation ist absolut einmalig für den Uran-Handel“, sagt Webb. „Die Produktion hängt weit hinter den Anforderungen zurück.“ Und die Kluft wachse weiter. Eine Grafik seines Unternehmens verdeutlicht dies (hier klicken).

Weil viele der heute geplanten Kraftwerke – so sie denn tatsächlich gebaut werden – erst in mehreren Jahren in Betrieb gehen würden, sehen Experten gerade langfristig Chancen für einen erneuten Uranpreisanstieg. Nur zu angemessenen Preisen würde sich auch der Ausbau der Förderkapazitäten lohnen. Kasachstan und Russland haben bereits neue Fördervorhaben angekündigt. Zudem endet im Jahr 2013 ein Vertrag, der Russland zur Bereitstellung von Waffenuran zur zivilen Nutzung verpflichtet. Die für die Stromgewinnung international zur Verfügung stehende Uranmenge könnte sich dadurch zusätzlich verknappen.

Zumindest im gegenwärtigen Quartal sieht die australische Gesellschaft Resource Capital Research RCR den Spotpreis für Uran bei maximal 65 US-Dollar je Pfund. RCR verweist darauf, dass Marktunsicherheiten vorerst bestehen bleiben werden. So könne es etwa auch passieren, dass weitere Fonds aus der Spekulation mit dem Uranpreis aussteigen und der Preis daher nachgibt.

Für Privatanleger in Deutschland bieten verschiedene Banken seit geraumer Zeit Zertifikate zum Thema Atomkraft an. Der Preissturz bei Uran hat die Papiere mit voller Wucht getroffen. Zwar liegt ihnen nicht der Uran-Future, der an der New Yorker Rohstoffbörse NYMEX gehandelt wird, zugrunde, sondern die Aktien von Minen- oder Kraftwerksbetreibern. Aber auch deren Kurse habe 2008 ordentlich Federn lassen müssen. Betrachtet man nur die Entwicklung seit Jahresbeginn 2009, dann verzeichnen die Zertifikate jedoch erstaunlich kräftige Gewinne (siehe Tabelle Seite 4).

Gleich fünf Banken – Goldman Sachs, Deutsche Bank, DWS Go, Société Générale und JP Morgan - nutzen eigene oder von Partnerunternehmen berechnete Indizes als Basiswerte für ihre Nuklear-Zertifikate. Der Fokus der jeweiligen Indexkonzepte ist unterschiedlich.

So beschränkt sich DWS Go bei der Aktienauswahl beispielsweise auf Unternehmen, die sich mit der Exploration und dem Abbau von Uran beschäftigen. 22 Werte finden sich derzeit im Index des Anbieters - nicht die größten, sondern die nach Ansicht der Bankexperten aussichtsreichsten Unternehmen werden aufgenommen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine rein subjektive Zusammenstellung, was die Sache für Anlegerinnen und Anleger weniger transparent macht. Andererseits können damit auch relativ kleine Firmen im Index berücksichtigt werden.

Demgegenüber vertrauen die Konkurrenten auf die regelgebundene Indexberechnung durch bekannte Partnerunternehmen. Mit zehn im Index enthaltenen Aktien ist die Streuung beim URAX unter diesen Themenindizes am geringsten. Die französische Großbank Société Générale lässt den Index von Dow Jones halbjährlich überprüfen, eine mögliche Neugewichtung erfolgt vierteljährlich. Der URAX enthält die nach Marktkapitalisierung weltweit größten Unternehmen, die sich mit dem Abbau oder der Weiterverarbeitung von Uran beschäftigen.

Deutlich weiter gefasst ist der Anlagehorizont bei Goldman Sachs und der Deutschen Bank. Basiswert eines Indexzertifikates von Goldman Sachs ist der „Global Nuclear Energy Index“. Dieser wird vom Indexanbieter S&P berechnet, Marktkapitalisierung und Handelsvolumen sind die Auswahlkriterien. Allerdings dürfen in diesem Index auch die Aktien von Unternehmen auftauchen, die die Kraftwerke betreiben, also nicht nur Uranfördergesellschaften.

Der Index wird einmal pro Jahr überprüft und umfasst derzeit 23 Aktien. Die vier Schwergewichte Uranium One, Paladin Energy, Exelon und Cameco machen dabei fast 40 Prozent des Indexes aus.

Die Deutsche Bank wiederum verwendet den „S-Box Nuclear Power Index“ der Börse Stuttgart als Basiswert. Dieser soll die gesamte Wertschöpfungskette des Sektors berücksichtigen, dazu zählen neben dem Minengeschäft und dem Kraftwerksbau auch die Bereiche Transport und Entsorgung von Brennmaterial und Nuklearforschung.

Während bei allen bisher genannten Konzepten anfallende Dividenden berücksichtigt werden, ist das beim World Nuclear Power Index der Deutschen Börse nicht der Fall. Dieser Index liegt einem Zertifikat von JP Morgan zugrunde. Der Auswahlfokus liegt auf Unternehmen, die Atomenergie erzeugen, Uran fördern, anreichern oder aufbereiten oder Atommüll entsorgen.

Die maximale Gewichtung einer Aktie ist mit zehn Prozent auf einen vergleichsweise geringen Wert festgelegt. Fünf Schwergewichte machen die Hälfte des Indexes aus, darunter die Versorgungsunternehmen E.ON AG aus Deutschland und Electricité de France aus Frankreich.

Nur eine Seite der Medaille ist, dass die Dividenden beim World Nuclear Power Index unberücksichtigt bleiben. Im Gegenzug erhebt JP Morgan für das Zertifikat keine Managementgebühr. Die müssen Anlegerinnen und Anleger dafür bei den Zertifikaten auf die anderen Indizes bezahlen. Bei DWS Go liegt diese Gebühr aufgrund der subjektiven Aktienauswahl mit 1,75 Prozent pro Jahr am höchsten.

Dass auch für Zertifikate Managementgebühren erhoben werden, die sich auf Aktienkörbe ohne regelmäßige Anpassungen beziehen, ist aus Sicht privater Investoren hingegen weniger nachvollziehbar. Merrill Lynch hat ein Zertifikat auf einen Aktienkorb mit zehn Werten herausgebracht (WKN: ML0BDN).

Bei den Zertifikatsbedingungen gilt es, genau hinzusehen. In der Berechnungsformel für den Rückzahlungsbetrag ist mit dem Kürzel „MF“ eine Konstante eingefügt worden. Sie steht für eine anfallende Managementgebühr in Höhe von einem Prozent pro Jahr, wie man aus der Legende zur Berechnungsformel erfährt. Von einer regelmäßigen Anpassung und Überprüfung des Korbes ist in den Bedingungen nichts zu lesen.

Die Deutsche Bank behält sich bei ihrem Uran Basketzertifikat (WKN: DB6HSQ) zumindest die Möglichkeit einer Anpassung vor, allerdings nur, falls eine der ausgewählten Aktien nicht mehr an der entsprechenden Börse gehandelt wird oder nicht mehr hinreichend liquide ist. Eine regelmäßige Korbanpassung ist auch hier nicht vorgesehen. Dennoch erhebt die Bank für das Zertifikat eine Verwaltungsgebühr in Höhe von einem Prozent pro Jahr.

Anleger mit Interesse an einem Uran-Investment sollten bedenken, dass die vorgestellten Zertifikate nicht währungsgesichert sind. Viele der Aktien, auf die sich die Derivate beziehen, werden an Börsen außerhalb des Euroraumes gelistet und notieren nicht in Euro. Daraus ergibt sich die Chance, dass bei einer günstigen Entwicklung des Tauschverhältnisses Wechselkursgewinne entstehen, andererseits kann es um umgekehrten Fall auch ungünstig für den Investor laufen.

Fazit: Der Uranpreis scheint vorerst äußerst volatil zu bleiben. Werden die geplanten Reaktoren tatsächlich gebaut, könnten die Kurse der im Sektor tätigen Unternehmen anziehen. Wer mit Zertifikaten auf die Branche setzen möchte, sollte die einzelnen Angebote genau vergleichen. Unterschiede gibt es nicht nur in den Auswahlkonzepten, sondern auch bei den Gebühren und der Spanne zwischen An- und Verkaufskursen.



Eike Schäfer, 17.02.09 Dieser Artikel wurde 1791mal gelesen.